Freiwillige Arbeit

Bericht über mein Praktikum in Deva

Hajnalka Hartstang

19.04.2017-3.05.2017

Persönliche Erwartungen an das Praktikum

Ich war vor meinem Praktikum bereits fünfmal in Deva, deshalb kannte ich schon einige Kinder und Erzieher, mit manchen hatte ich sogar über Jahre hinweg Kontakt. Dass ich die Einrichtung und die Menschen dort schon kannte, gab mir ein sicheres Gefühl. Ich erfuhr vor meinem Praktikum, was meine Aufgabe sein würde, wie viele Kinder ich würde betreuen müssen, wo die Kantine ist und ich kannte ungefähr die Einstellung der Kinder und Erzieher dort.

Was ich nicht wusste war, wie alt die mir zugeteilten Kinder sein würden, welche Aufgaben die Kinder tagsüber hatten, was ihnen sonst erlaubt beziehungsweise nicht erlaubt war und wie der genaue Tagesablauf aussehen würde. Ich wollte mich den Erziehungsprinzipien dort anpassen, da ich vorher aber nie einen ganzen Tag in so einer Sozialfamilie verbracht hatte, blieben viele Fragen für mich offen.

Ich habe mich mit vielen unterhalten und mir Gedanken gemacht, was ich mit den Kindern tagsüber machen könnte, da sie die längste Zeit meiner Praktikumszeit Ferien hatten, wie ich in bestimmten Situationen handeln sollte, zum Beispiel wenn ein Kind krank werden würde. Eine Erzieherin sagte mir schon Wochen vor meiner Praktikumszeit, worauf ich achten sollte, zum Beispiel sollte  ich dort kein Leitungswasser trinken, da erfahrungsgemäß freiwillige Helfer wie ich nicht daran gewöhnt seien und davon krank würden.

Ich habe mich trotz einiger Befürchtungen beruhigt und sehr gut vorbereitet gefühlt, nach den vielen Gesprächen und konnte es kaum erwarten, dort anzukommen.

Meine eine Befürchtung war, dass die Kinder mich nicht als Erzieherin akzeptieren oder respektieren würden, zum einen wegen des zu geringen Altersunterschiedes und zum anderen, weil ich bisher eine Freundin für sie gewesen war und nicht jemand, der über ihnen stand. Ich hatte auch Angst, dass ich keine Zeit haben würde, um mich auszuruhen, weil ich zu beschäftigt sein würde mit so vielen Kindern. Ich zweifelte auch an meinen eigenen Fähigkeiten, ob es denn nicht eine zu große Verantwortung für mich sein würde, zwei Wochen lang Tag und Nacht alleine auf fünf bis zehn Kinder aufzupassen.

Schon seit fünf Jahren habe ich mir in den Kopf gesetzt, später einmal für längere Zeit als Erzieherin dort zu arbeiten, aber ich wusste nicht, welche Aufgaben ein Erzieher hat. Ich konnte vorher nie so viel über die Hintergründe der Kinder erfahren und ich sah auch nicht, wie der Tag bei ihnen abläuft und worauf in der Erziehung Wert gelegt wird. Deshalb war für mich dieses Praktikum eine sehr gute Entscheidungshilfe, ob das wirklich für mich in Frage kommt.

Tätigkeiten während des Praktikums

Meine Aufgabe war es, eine Erzieherin zu vertreten, die sich Urlaub genommen hatte. Ich habe also zusammen mit sechs Kindern in einer kleinen Wohnung gewohnt, die zu dieser Zeit nicht zuhause bei ihren Eltern waren. Denn in den Ferien müssen die Kinder, die die Möglichkeit haben, nach Hause gehen, um den Kontakt zu ihren Eltern zu pflegen. Im Laufe meines Praktikums kamen dann noch einige dazu, sodass ich in den letzten Tagen für neun Kinder verantwortlich war. Die Kinder waren vier bis fünfzehn Jahre alt.

Meine Aufgaben begannen morgens damit, dass ich die kleineren Kinder fertig machte, das heißt sie anzog, ihnen die Haare machte, ihnen die Zähne putzte. Deshalb stand ich schon vor ihnen um kurz vor acht Uhr auf. Um neun Uhr mussten wir immer beim Frühstück sein, das es für alle zusammen in einer Kantine gab. Dorthin mussten wir eine viertel Stunde laufen. Vormittags gab es je nachdem, wie viele Helfer zur Verfügung standen, Programm oder Kindergarten für die Kleineren. In der restlichen Zeit hatte ich außer bei den Mahlzeiten freie Hand, wie ich die Kinder beschäftigte. Ich habe sehr viel mit den Kindern gemalt, ihnen vorgelesen, mit ihnen gesungen und Filme geschaut. Bei gutem Wetter spielten die Kinder größtenteils draußen im Garten. Ich habe einem Kind auch das Fahrradfahren beigebracht. Das war ein sehr berührendes Erlebnis für mich. Denn dieses siebenjährige Mädchen war so ehrgeizig, dass sie innerhalb von drei Tagen trotz eines platten Reifens das Fahrradfahren erlernt hat.
An manchen Tagen ging ich mit den Kindern auf den Spielplatz, der allerdings etwas weiter weg war, ungefähr eine halbe Stunde zu Fuß. Dieser Spielplatz war so riesig und überfüllt, dass es schwer war, den Überblick nicht zu verlieren, vor allem dann, als die Kinder einer anderen Erzieherin zusätzlich mit mir mitgekommen sind. Aber die Großen waren sehr verantwortungsbewusst und kümmerten sich viel um die Kleineren und sie nahmen mir somit jede Menge Arbeit ab.
Zum täglichen Tagesablauf gehörten auch das Aufräumen, Putzen, Fegen, Wäschewaschen, Bügeln, Saugen und Aufwischen dazu. Jeden Tag wurde sehr darauf geachtet, dass die Wohnung ordentlich blieb und diese Aufgaben waren unter den Kindern aufgeteilt. Ich sollte diese Aufgaben der Kinder nicht übernehmen, aber ich hatte trotzdem jede Menge zu tun im Haushalt.
Sonntags gab es Gottesdienste, an denen war es Pflicht, teilzunehmen. An einem Tag kam eine Gruppe von Behinderten zu Besuch, die für die Kinder ein Konzert vorbereitet hatten. An den letzten zwei Tagen meiner Praktikumszeit begann die Schule für die Kinder, das bedeutete, vormittags half ich Gästebetten zu beziehen, nachmittags war ich wieder für die Kinder zuständig und half ihnen, ihre Hausaufgaben zu erledigen.

Zusammenarbeit mit dem Personal

Da ich nicht zum ersten Mal in dieser Einrichtung war, kannte ich manche Erzieher schon. Diese empfingen mich sehr freundlich und erkundigten sich jeden Tag bei mir, ob alles in Ordnung sei. Ich hatte zwar anfangs viele Fragen, auf die bekam ich aber entweder mit der Zeit automatisch die Antwort oder die Kinder erklärten mir, wie sie sonst alles handhabten.

An den letzten Vormittagen, als ich mit anderen Freiwilligen zusammen die Gästebetten bezog, konnte ich mich viel mit ihnen unterhalten und austauschen, welche Erfahrungen sie bereits mit den Kinder hatten machen dürfen und auf welche Art und Weise sie bestimmte Problemsituationen lösten.

Erfahrungen im Gespräch und im Umgang mit den Menschen

Ich habe erkannt, wie schwer es ist, ein Kind zu erziehen, vor allem es umzuerziehen. Wenn ein Kind vorher zum Beispiel in viel ärmeren Verhältnissen leben musste und es von seinen Eltern beigebracht bekommen hat zu klauen, ist es schwer den Kindern so etwas Grundlegendes abzugewöhnen. Viele Kinder liegen auch den ganzen Tag nur herum und nutzen ihre Zeit nicht sinnvoll, da sie vorher auch sich selbst überlassen waren, auf der Straße durften sie machen, was sie wollten. Dabei halfen nur der sehr strukturierte Tagesablauf und klare, strenge Regeln.

Außerdem waren manche Kinder nicht im Kindergarten und das sah man ihnen an. Ein zehnjähriges Mädchen war zum Beispiel erst in der zweiten Klasse, hatte aber schon da riesige Schwierigkeiten. Sie hat nicht verstanden, was es heißt, zwei Zahlen zu addieren und hat bei den Hausaufgaben irgendwelche ausgedachten Zahlen als Ergebnis hingeschrieben und konnte die einfachsten Aufgaben nicht lösen. Ihre Erzieherin erzählte mir, dass sie der Meinung sei, dass dieses Mädchen ganz von vorne anfangen müsse, also im Kindergarten, da es so viel nachholen müsse. Wenn man als Erzieherin zehn Kinder hat, dann hat man nicht die Zeit, sich einem einzelnen Kind zu widmen.

Abschließende Bewertung der Praktikumszeit

Dieses Sozialpraktikum war ein sehr bereicherndes Erlebnis für mich. Sonst kam ich auch immer erfüllt von Deva nach Hause und sehnte mich danach zurückzugehen, aber dieses Mal hat sich das alles noch intensiviert.
Ich kann die Kinder nun viel besser verstehen. Ich konnte mir bisher nicht vorstellen, warum die Kinder sich eingesperrt fühlten oder sich langweilten. Ich sah in den letzten Jahren immer nur, wie glücklich ich mit den Kindern im Hof gespielt habe, aber was danach in den Familien passiert ist, sah ich nie.
Weil ich Kinder in so einer Armut gesehen habe, lernte ich nicht nur meinen Besitz wertzuschätzen, sondern kann auch dafür dankbar sein, dass ich von meinen eigenen Eltern aufgezogen werden konnte und viele Möglichkeiten habe.

Mir ist es überhaupt nicht schwergefallen, zwei Wochen lang in diesen armen Verhältnissen zu leben, wo ich mit allen Kindern zusammen in einem kleinen Zimmer geschlafen habe, wo das Essen nicht besonders gut war und wo die Kinder mit kaputten Spielsachen Spaß haben konnten.
Mir sind die Kinder so sehr ans Herz gewachsen. Ich hoffe, ich kann noch viel Gutes für sie tun!

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Déva nimmt einen auf!

Und nach paar Tagen nimmt sie dich in ihren Besitz, erfüllt mit der Sinnhaftigkeit des Lebens und lasst dich nie wieder los. 20170927_150318

Meinen Jahresurlaub (3 Wochen) habe ich heuer in Déva verbracht. Unzählige wahre Begegnungen mit Kindern und ErzieherInnen haben die harte, arbeitsvolle Zeit zu einer kostbaren, bereichernden und, erfüllenden Erfahrung gemacht. Man darf mit Erwartungen kommen, aber die müssen spätestens nach einem Tag über den Haufen geworfen werden. Nur so kann man sich einlassen auf das Abenteuer Déva.

Und wie habe ich mich nützlich gemacht?

Meistens einfach mit meinem Dasein. Mit viel Aufmerksamkeit und offenen Ohren für das Leben, den dort lebenden Kindern und arbeitenden Menschen. So konnte ich die ErzieherInnen wunderbar entlasten und den Kindern die Möglichkeit geben sich zu öffnen.

Sehr oft mit aushelfen, wo Arbeitskraft benötigt wird: in den Familien, im Gästehaus, in der Küche.  Ich hatte das Glück, als Übersetzerin für eine deutsche Augenärztin zu fungieren, die im Auftrag einer deutschen Stiftung, die Kinder und ErzieherInnen untersuchte und Brillen bereitstellen wird.

 Es war dort nie langweilig und allein war ich nur in meinem Bett. 🙂 Trotzdem kehrte ich erholt und mit neuer Lebenskraft zurück in mein Leben.

Danke Déva, bis zum nächsten Mal!

Zita Katzen (Wien)

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Falls Sie auch an eine kurze oder laengere Freiwillige Arbeit/ Praktikum in Deva sich interessieren, bitte melden Sie sich bei Eva Nagyfalusi (nagyfalusieva@gmail.com)